Rezensionen

Ich lese sehr viel und schreibe gern. Von einigen Büchern werde ich hin und wieder eine Rezension veröffentlichen. Es sind aktuelle Bücher, aber auch Klassiker, die aus den Schlagzeilen und Bestsellerlisten verschwunden sind.

Die Strudlhofstiege
oder Melzer und die Tiefe der Jahre

von Heimito von Doderer
Verlag C.H. Beck

Ein Roman, der aus der Zeit gefallen ist. Er wurde 1951 zum ersten Mal veröffentlicht. Daniel Kehlmann schreibt in seinem Nachwort, dass der Österreicher von Doderer „so viel besser als fast alle deutschsprachigen Autoren des zwanzigsten Jahrhunderts“ sei. Das will ich nicht bewerten. „Die Strudlhofstiege“ zu lesen, war für mich ein gehöriges Stück Arbeit. Zwischendurch habe ich immer mal wieder darüber nachgedacht, das Buch in den Schrank zurück zustellen.

Die Augen haderten mit der kleinen Schrift dieser Jubiläumsausgabe; mit Tolino wäre das nicht passiert. Es gibt viele Figuren; manche Figuren tauchen mit vollem Namen auf, manche mit Abkürzungen. Vor- und Rückblenden purzeln durcheinander. Viel Handlung gibt es nicht, erst zum Ende hin erhält sie eine gewisse Dynamik mit Selbstmord, Heirat, Versöhnung, Glück. Der Autor seziert Gedanken, Emotionen, Gespräche und Beziehungen mit einer aufwändigen und verschachtelten Sprache.

Und doch habe ich die über 900 Seiten gelesen. Die Sprachbilder, die mich überraschten, und die philosophierende Erzählweise schufen einen süchtig machenden Raum für die Lektüre. Hier sind zwei Beispiele:

„Denn das ist nichts weniger als äußerlich, wenn man jemanden veranlasst, in einem bestimmten Geruche zu stehen und zu gehen. Gerüche sind oft wie platzende Blasen der Erinnerung aus der Tiefe der Zeiten, wenn sie uns unvermutet anfliegen und man kaum recht weiß, ob von innen oder von außen. Den Geruch einer Person modifizieren: das geht schon an‘s Leben.“

„Mir scheint manchmal, man müsste zwei verschiedene Wörterbücher anlegen, ein weibliches und ein männliches, und so würden mit der Zeit zwei verschiedene Sprachen entstehen, und wer verliebt ist, müßte dann die andere lernen, statt die eigene zu verdrehen.“

Der Autor beschreibt das Denken und Handeln seiner Figuren, die Künstler sind, Finanzbeamte, Studierende, Bohemians, Trafikbesitzer sowie sich langweilende und nach einem Lebenssinn suchende Frauen im Wien zwischen dem ersten und zweiten Weltkrieg. Es ist die Zeit, in der die k.u.k.-Monarchie zerbricht, in der die Soldaten und Offiziere ihre persönlichen Kriegsfolgen und -schäden verdrängen oder schönreden. „Nennbar Unvergeßliches! Aber der Mensch kommt, im Kriege erlebend, nicht zu sich selbst, sondern immer wieder zu den Anderen. Die Ernte wird innerhalb der Welt des legal-organisierten Schreckens nicht in den Kern der Person eingebracht, sondern an‘s Kollektiv zurückverteilt. Daher übrigens bei fast allen die besondere Neigung zu Erzählungen.“

Wie es über den langen Roman hinweg Heimito von Doderer gelingt, seine Figuren rund um die Strudlhofstiege im Wiener 9. Bezirk, imAlsergrund, zu bewegen, ist phantastisch: Sie gehen hinab und hinauf, sie schlendern, laufen, beobachten, begegnen und verpassen sich, sinnieren, philosophieren, denken nach, verabreden und küssen sich, erzählen, intrigieren, erfahren Befriedigung, Glück und Demütigung. Der Autor schaut nicht nur tief in menschliche Seelen, er führt seine Leser*innen in eine damals wie heute faszinierende Stadt. Mit seinem Roman hat er die Strudlhofstiege mit Stimmungen und Bildern aufgeladen und zu einem geheimnisvollen Ort gemacht.

Heimito von Doderer schreibt von einer „kostbaren Erbschaft der Leere“. Es ist schon anstrengend, diese Kostbarkeit zu entdecken und Leere zuertragen.

P.S.: Es sind so irre Worte und Bilder von von Doderer erschaffen worden. Einen Begriff übernehme ich in meinen Wortschatz: wurmisieren.

„Nach der Messe kein Spaziergang. Er (Melzer) ging gleich heim, trotz des im ganzen eher heiteren Wetters, als hätt‘ er Klausur, als fühlt‘er sich zu dieser schon am Vormittage verpflichtet. (…) Vor Tische wurmisierte Melzer in seinem Zimmer, zog den Gebetsteppich zurecht, der doch nicht ganz in der richtigen Weise aufgehängt worden war.“